Deutscher Gewerkschaftsbund

Das war das Schöneberger Forum 2018

Vielfalt gestalten: Perspektiven bieten, Kompetenzen nutzen

Das Thema Vielfalt stand im Mittelpunkt des Schöneberger Forums 2018. Am 21. und 22. November kamen in Berlin VertreterInnen aus Personalräten, Schwerbehindertenvertretungen, Gleichstellungsstellen und Gewerkschaften zusammen, um über Themen wie anonyme Bewerbungen, Quotenregelungen oder Inklusionsvereinbarungen zu diskutieren.

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Auftaktredner beim Schöneberger Forum 2018: Jörg Radek, stellvertretender GdP-Vorsitzender. DGB/Simone M. Neumann

"Unsere Verfassung beruht auf Freiheitsrechten, die die freie Entfaltung und Entwicklung der Persönlichkeit ermöglichen“, so Jörg Radek, stellvertretender Vorsitzender der GdP, anlässlich der Eröffnung des diesjährigen Schöneberger Forums. Vielfalt müsse geschützt werden vor jenen, die sie ablehnen. Die Aufgabe von Gewerkschaften sei es daher auch, Vielfalt zu schützen, um sie gestalten zu können. Travestiekünstlerin und Plenumsteilnehmerin Veuve Noire hat erlebt, was es heißen kann, wenn man in den Augen anderer von der angeblichen Norm abweicht. Aufgewachsen in einer ländlichen Gegend, hat sie zu spüren bekommen, dass Vielfalt nicht jedem gefällt. Für sie sei es daher eine Notwendigkeit, Aufklärungsarbeit zu leisten. So besucht sie Schulklassen, um Homophobie abzubauen. Bei den SchülerInnen treffe sie dabei auf positive Resonanz, bei den Erwachsenen sei dies nicht immer der Fall. „Oft wird behauptet, unsere Gesellschaft sei tolerant. Dabei sind wir davon weit entfernt. Solange Mittel wie anonyme Bewerbungen noch erforderlich sind, um Chancengleichheit zu verbessern, ist Vielfalt noch keine Selbstverständlichkeit“, so Veuve Noire.

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Diskutierten über mehr Vielfalt im öffentlichen Dienst: (v.l.) Moderatorin Jutta Neumann, Veuve Noire, Berlins Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales Elke Breitenbach (Die Linke) und Bernhard Franke, kommissarischer Leiter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. DGB/Simone M. Neumann

Anonyme Bewerbungen seien laut Bernhard Franke, kommissarischer Leiter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, jedoch ein gutes Mittel, um Diskriminierungen zu reduzieren. Allerdings nutzten bislang nur wenige Bundesministerien, unter anderem das für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, dieses Instrument. Senatorin Elke Breitenbach stellte fest, dass die Diskussionen zum Thema Vielfalt oft geprägt seien von der Klassifizierung „normal“ und „unnormal“ – selbst im angeblich offenen Berlin. Eine große Schwierigkeit bei der Vielfaltsförderung im öffentlichen Dienst seien die unflexiblen Einstellungsverfahren, die nur auf formale Qualifikationen abstellen, und ausländische Abschlüsse oftmals nicht anerkennen würden. Deswegen könne man laut Bernhard Franke jedoch keine Aufweichung der Kriterien Eignung, Befähigung und fachliche Leistung fordern. Vielmehr müssten Stellenanforderungen um Vielfaltskompetenzen ergänzt werden.

Dies war auch eines der Themen der Diskussionsrunde „Wie wird Diversity im öffentlichen Dienst „gelebt“?“ mit Andreas Merx, Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für Diversity Management e.V., und Eren Ünsal, Leiterin der Landesantidiskriminierungsstelle Berlin. Diese machte auf einen Widerspruch aufmerksam, mit dem es umzugehen gilt: Positive Maßnahmen zur Förderung setzten die Festlegung von Gruppen voraus, die andererseits wegen der Vielschichtigkeit eines jeden Menschen nur schwer gebildet werden könnten und letztlich – zwecks Vermeidung von „Schubladendenken“ – eigentlich auch nicht gewollt seien. Auf die Einflussmöglichkeiten von Personalräten wies Andreas Merx hin. So sollten diese bereits bei der Ausschreibung einer Stelle darauf achten, dass eine große Bandbreite an Interessierten angesprochen werde. Zudem machte er auf den Diversitycheck (z.B. Berliner Diversometer) aufmerksam, den auch Personalräte für ihre Dienststelle durchführen und im Falle von Defiziten entsprechende Fördermaßnahmen einfordern könnten.

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Diskussionsrunde „Wie wird Diversity im öffentlichen Dienst „gelebt“?“ mit Andreas Merx, Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für Diversity Management e.V., und Eren Ünsal, Leiterin der Landesantidiskriminierungsstelle Berlin DGB/Simone M. Neumann

An den Veranstaltungstagen konnten die TeilnehmerInnen aus insgesamt sechs Fachforen wählen:

  • Forum I: Rechtlicher Rahmen für Geschlechtergerechtigkeit „Frauen sind anders – Männer auch!“

    Die Probleme waren schnell benannt: Entscheidende Meetings fänden oftmals am (familienunfreundlichen) Abend statt, männliches Verhalten werde als das Nonplusultra angesehen, Frauenförderung werde als Aufgabe der Frauen angesehen .... All das führe dazu, dass es mit der Gleichstellung auch im öffentlichen Dienst noch nicht sehr weit her sei. Dabei lägen laut Referentinnen und TeilnehmerInnen die Lösungen nah. So brauche es nicht notwendigerweise mehr/bessere Rechtsgrundlagen zur Förderung, wenn die vorhandenen Vorgaben endlich konsequent umgesetzt würden. Auch müssten die Gewerkschaften als Tarifpartner ein Auge darauf haben, dass Frauen durch tarifvertraglich vereinbarte Regelungen nicht indirekt benachteiligt würden. Frauen könnten sich zudem mehr trauen und selbstbewusster auftreten.  

    Referentinnen:

    Monika Müller, Sozialdezernentin Wolfsburg
    Frauke Gützkow, Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands der GEW, Arbeitsbereich Frauenpolitik
    Regine Steinhauer, Auditorin, audit beruf & familie
    Karen Vogel-Krawczyk, Gesamtpersonalratsmitglied der Stadt Bremen

    Moderation:

    Silke Raab, DGB Bundesvorstandsverwaltung, Abteilung Frauen-, Gleichstellungs- und Familienpolitik

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  • Forum II: Menschen mit Behinderungen im öffentlichen Dienst „Exklusiv oder inklusiv?“

    Mit dieser Frage setzten sich die TeilnehmerInnen dieses Forums auseinander. Dabei profitierten sie vom Praxiswissen einiger Urgesteine aus dem Bereich der Schwerbehindertenvertretung. So gab es den Rat, sich für den Abschluss einer Inklusionsvereinbarung den Personalrat und die Gleichstellungsbeauftragte als Verbündete zu suchen sowie die Vorteile bestimmter Maßnahmen – etwa die Barrierefreiheit neuer Software – für alle Beschäftigten der Dienststelle deutlich zu machen. Wenn sich der Dienstherr einer Inklusionsvereinbarung verweigert, könne zudem alternativ versucht werden, mit dem Personalrat eine Dienstvereinbarung auf den Weg zu bringen. Eindrucksvoll wurde zudem geschildert, wie Personalmangel und Einsparungen das vorhandene Personal krank und teilweise eben auch schwerbehindert werden lässt. Auch wurde thematisiert, dass es mittlerweile Länder gibt, die die gesetzlich vorgeschriebene Beschäftigungsquote für schwerbehinderte Menschen von fünf Prozent nicht mehr erfüllen und eine Ausgleichsabgabe gemäß SGB IX zahlen müssen.

    ReferentInnen:

    Felizitas Ißelmann, Schwerbehindertenvertrauensperson Stadtverwaltung Oberhausen
    Dr. Alexander von Boehmer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Schwerbehindertenvertretungen des Bundes
    Andreas Beck, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Schwerbehindertenvertretungen der Länder

    Moderation:

    Uwe Kaßler, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Schwerbehindertenvertretungen der obersten Landesbehörden und Hauptschwerbehindertenvertretungen Rheinland-Pfalz

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  • Forum III: Ethnische Herkunft und Religion im öffentlichen Dienst „Andere Herkunft und Religion – gleiche Rechte – gleiche Pflichten“

    Im Fokus dieses Forums stand zunächst die Frage, wie Auswahlprozesse in öffentlichen Einrichtungen ausgestaltet sein müssen, um Diskriminierung zu verhindern: Sind anonymisierte Bewerbungsverfahren hilfreich – oder müssten sie nicht eher dadurch überflüssig gemacht werden, dass (öffentliche) Arbeitgeber offensiv und öffentlich um Beschäftigte mit verschiedener Herkunft werben? In beide Richtungen wurden Argumente genannt und lebhaft diskutiert. Sehr eindrucksvoll wurde in vielen Wortbeiträgen deutlich, dass in den Verwaltungen und Betrieben insbesondere Freiräume nötig sind, damit Menschen verschiedener Herkunft oder Religion gut zusammen arbeiten können. Die Beschäftigten, also nicht nur die Führungskräfte, bräuchten Fortbildungen und auch Zeit, um sich den Umgang mit kultureller Differenz aneignen zu können.

    Referenten:

    Bernward Wolf, Pastor, Sozialpädagoge, stellv. Vorsitzender Bethel Bielefeld
    Forouzan Nikurazm, Integrationsbeauftragter der GdP Hamburg   

    Moderation:

    Rebecca Liebig, ver.di Hessen

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  • Forum IV. Alt und Jung – Voneinander lernen „Ey, langsamer Opa“ – „Ach, unerfahrener Jungspund“

    "Sich gegenseitig zuhören ist wichtig." so die Antwort von Referent Udo Kertz auf die Frage, wie Alt und Jung gut zusammenarbeiten könnten. Dazu passt, dass nach Auffassung des stellvertretenden Bundesjugendvorsitzenden der GdP, Martin Meisen, ein "Geben und Nehmen" institutionalisiert werden muss, um eine Symbiose der Generationen herzustellen. Erkennen die Beschäftigten ihre Abhängigkeit voneinander, würde das Alter keine unüberwindbare Hürde darstellen. Schädlich hingegen für ein Miteinander seien Pauschalisierungen. Vielmehr brauche es einen individuellen Blick auf die Personen, denn nicht jeder junge Mensch ist PC-affin und nicht jeder alte Kollege veränderungsresistent.

    Referenten:

    Martin Meisen, Stellvertretender Bundesjugendvorsitzender der GdP
    Udo Kertz, ehem. Vorsitzender des Hauptpersonalrates des BMG

    Moderation:

    Dr. Manuela Maschke, Hans-Böckler-Stiftung

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  • Forum V: LSBTI – an den Rand gedrängt? „Im Zeichen des Regenbogens“

    Das Forum bot anschauliche Erfahrungsberichte zur Diskriminierung von LSBTI in der Arbeitswelt. Carsten Bock (Bundesarbeitskreis ver.di-queer) und Tina Breidenich (Bundessprecherin der GEW AG LSBTI) berichteten dabei nicht nur über den steinigen Weg der Etablierung einer LSBTI-Arbeit in den Gewerkschaften, sondern auch über die nach wie vor große Furcht vor Stigmatisierung, Ausgrenzung oder struktureller Gewalt. Dana Baerns (Polizeihauptkommissarin, Ansprechperson für LSBTI bei der Polizei in Berlin) schilderte nicht nur die Schwerpunkte aus ihrer Arbeit, sondern ging auch auf die besondere Rolle von Ansprechpersonen ein. In der Diskussion spielte die Frage der gewerkschaftlichen Handlungsperspektive ebenso eine wichtige Rolle wie der Abbau möglicher Diskriminierungen im Bereich des öffentlichen Dienstes. 

    ReferentInnen

    Dana Baerns, Polizeihauptkommissarin, Ansprechperson für LSBTI bei der Polizei in Berlin
    Tina Breidenich, Bundessprecherin der GEW AG LSBTI
    Carsten Bock, Bundesarbeitskreis ver.di-queer

    Moderation:

    Matthias Schlenzka, DGB-Bezirk Berlin-Brandenburg

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  • Forum VI: Gute Praxis: Nominierte und Preisträger des Deutschen Personalräte-Preises 2018 stellen ihre Projekte vor

    In intensiven kleinen Gesprächsrunden stellten die GewinnerInnen des Deutschen Personalräte-Preises 2018 ihre Projekte und vor allem die vielen, oft mühsamen, Arbeitsschritte bis zum Erfolg vor. Damit waren sie hilfreiche Ideengeber für andere Personalräte. Unübersehbar war, dass viele Personalräte die Lücke füllen, die öffentliche Arbeitgeber auf Grund gravierender Versäumnisse etwa im Bereich Personalplanung und -entwicklung oder bei der Arbeitssicherheit entstehen lassen.

    Mehr zu den Gewinnern finden Sie hier.

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    DGB/Simone M. Neumann

Gold, Silber, Bronze
Auch 2018 wurde mit der Verleihung des Deutschen Personalräte- Preises die kreative Arbeit von Personalvertretungen gewürdigt. Der Deutsche Personalräte-Preis 2018 in Gold ging dabei an den Personalrat des Ordnungsamtes Frankfurt am Main. Ausgezeichnet wurde das Konzept „Stadtpolizei 55+“, welches älteren Beschäftigten Möglichkeiten eröffnet, bis zum Erreichen des Ruhestandes zu arbeiten. Sven Hüber (GdP) erklärte in seiner Laudatio stellvertretend für die Jury des Preises, dass ihn vor allem die Herangehensweise des 11-köpfigen Personalrats überzeugt habe: Statt anhand eines festen Anforderungsprofils „an den Beschäftigten herumzumäkeln“, habe der Personalrat und später auch die Dienststelle erfolgreich nach den nutzbaren „Goldkörnern“ älterer und gesundheitlich eingeschränkter KollegInnen gesucht. Mit Silber zeichnete die Jury den Personalrat der TU Dresden aus, welcher gerechtere Eingruppierungen durchsetzen konnte. Der Gesamtpersonalrat der Universität Koblenz-Landau hat ein Bedrohungs-, Krisen- und Deeskalationsmanagement erarbeitet und erhielt dafür den Preis in Bronze. Der Sonderpreis der DGB-Jugend ging an die Arbeitsgemeinschaft der Jugend- und Auszubildendenvertretungen der Unikliniken Nordrhein-Westfalen für die wegweisende Kampagne zur angemessenen Vergütung von zuvor unbezahlten Ausbildungsgängen.

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Die Preisträger, Nominierten, Jury-Mitglieder und Ausrichter des Deutschen Personalräte-Preises 2018. DGB/Simone M. Neumann


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